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24.05.2004
Frauen und Männer: Ein Thema von gestern oder die Herausforderung von morgen?
Hochkarätige Podiumsdiskussion am 21.4.2004 im Haus der Industrie über Rollenbilder und die Zukunft der Beschäftigung – Zulehner sieht Trennlinie zwischen „traditionellen“ und „modernen“ Menschen, unabhängig vom GeschlechtDie Entwicklung hin zur Wissensgesellschaft, die Internationalisierung der Wirtschaft und die demographische Entwicklung mit einer Verschiebung der Bevölkerungsstrukturen stellt auch die Industrie vor große Herausforderungen. Die Industriellenvereinigung hat einen eigenen Schwerpunkt „Zukunft der Beschäftigung“ gesetzt. IV-Generalsekretär Dkfm. Lorenz Fritz dazu: „Damit wollen wir gemeinsam mit der Gesellschaft nicht nur Erwerbstätigkeit, sondern auch Work-Life-Balance, Flexibilität und Sicherheit – Dinge, die in vielen unserer Köpfe noch ein Widerspruch sind, aber es in Zukunft nicht sein dürfen – neu denken lernen.“
Gleichstellung braucht eine Änderung des Bewusstseins und der Strukturen
Die Veranstaltung "Frauen und Männer: Ein Thema von gestern oder die Herausforderung von morgen?" am 21. April 2004 rückte neben der unternehmerischen auch die politische Dimension in den Mittelpunkt. Fritz verweist auf aktuelle statistische Daten: „Nicht einmal jede dritte Führungsposition als DirektorIn oder HauptgeschäftsführerIn wird von einer Frau eingenommen. In Hochtechnologiebranchen ist es sogar nur jede 15. Position. Und: Karrierefrauen werden von Männern besonders stark wahr genommen. Nur 18 % der Männer haben eine weibliche Vorgesetzte, aber 48 % geben an, eine zu kennen. Das spricht Bände.“ Aus Sicht der Industriellenvereinigung besteht also dringender Handlungsbedarf, sowohl auf der Ebene des Bewusstseins, als auch auf der Ebene der Strukturen. Frauenministerin Maria Rauch-Kallat begrüßt die Initiative der Industriellenvereinigung und betont: „Wir haben kein ungebührliches Begehren, wir wollen schlicht und einfach unseren Anteil an der Verantwortung, an der Macht und am Geld wahrnehmen, denn die Hälfte der Arbeit machen wir schon längst. Dabei geht es um eine gleich berechtigte Vertretung von Männern und Frauen in allen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen, und um eine gleichberechtigte Teilung der unbezahlten Arbeit, damit meine ich die partnerschaftliche Arbeit, die Familienarbeit. Zum Beispiel die Teilung der Karenz zwischen den Eltern ist in vielen Varianten möglich!“ Sie sieht einen wesentlichen Hebel in Information und Bewusstseinsbildung und fordert junge Frauen auf, in ihren Karriere- und Familienphasen weniger dem Zufall zu überlassen und mehr zu planen.
Die Bruchlinien in der Gesellschaft ändern sich
In Zukunft könnte die Bruchlinie allerdings weniger zwischen Frauen und Männern verlaufen, sondern vielmehr zwischen „traditionellen“ und zukunftsorientierten „modernen“ Menschen. Der Anteil der „Modernen“ ist bei den Männer zwischen 1992 und 2002 von 14 auf 23% gestiegen, bei den Frauen gleich von 20 auf 37%. Frauen und Männer entwickeln sich offensichtlich unterschiedlich schnell, und Univ.-Prof. DDr. Paul Michael Zulehner meint dazu: „Das ist natürlich gesellschaftspolitischer Sprengstoff.“ Der Frauenentwicklung muss also eine Männerentwicklung folgen.
Künftige Chancen für Unternehmen
In der Diversität der ArbeitnehmerInnen (betreffend Geschlecht, Herkunft, Kultur, Alter, Lebensstile) liegt noch viel Potenzial, das in den Unternehmen produktiv genützt werden könnte. Beispielsweise verursacht der Geschlechterkonflikt in Organisationen auch beträchtliche Kosten: Dr. Regine Bendl von der Abteilung „Gender and Diverstiy in Organizations“ an der WU-Wien schlägt daher vor, diese Kosten auf Unternehmensebene durchzukalkulieren und ins Controlling aufzunehmen.Mag. Monika Kircher-Kohl, CFO bei Infineon Technologies verweist auf die Kompetenzen, die in einer schnelllebigen Wissensgesellschaft gefragt sein werden: Flexibilität, Interdisziplinarität, Teamorientierung. „Ich bin überzeugt davon, dass Frauen auf Grund dieser Eignung in den nächsten Jahren viel stärker in Führungspositionen kommen werden und dass Männer sich Ersatzkarrieren schaffen werden.“ Ein Beispiel wären parallele Karrierepfade, also eine Fachkarriere neben einer Managementkarriere.Georg Knill, Vorsitzender Junge Industrie Steiermark sieht in der Anpassung an die künftigen Herausforderungen die zentrale unternehmerische Aufgabe und stellt die grundlegende Frage: „Wohin will man?“
Was wird in zehn Jahren sein?
Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft ist vor der Dynamik der Entwicklungen kaum prognostizierbar. Gabriele Fischer, Geschäftsführerin des Wirtschaftsmagazins brand eins: „Wir sind gerade an einer Kante, die vergleichbar ist dem Übergang von der Landwirtschaftsgesellschaft zur Industriegesellschaft. Wir wissen nicht, wo das Ganze hingeht. “Umso wichtiger ist es aus Sicht der Industriellenvereinigung daher, jene Entwicklungen, die abgeschätzt werden können – wie etwa die Demographie – möglichst gut zu steuern und durch Bewusstseinsbildung den Anteil jener Menschen zu erhöhen, die bereit sind, sich auf die Schnelllebigkeit und die Veränderungen der nächsten Zeit einzulassen.“
Die Industriellenvereinigung sieht Handlungsbedarf insbesondere in folgenden Bereichen:
- Verstärkung des Diversity Managements auf unternehmerischer Ebene
- Weitere Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf
- Mehr Flexibilität bei der Gestaltung der Arbeitsplätze und der Karrierepfade
- Bewusstseinsbildung auf allen Ebenen, um auf die Schnelllebigkeit unserer Wissensgesellschaft gut vorbereitet zu sein
„Wenn man sich eingelassen hat darauf, dass es ein Veränderungsprozess ist und dass es eine bessere Gesellschaft werden kann, dann ist das unendlich spannend,“ so Fischer.
[ Judith Brunner ]
Weitere Beiträge
Downloads
-
iv-positionen – April 2004
(PDF)
-
iv-positionen – Juni 2004
(PDF)
-
Broschüre Zukunft der Beschäftigung
(PDF)
-
Fotos 21.4.2004
(PDF)
-
Präsentation Zulehner 21.4.04
(PDF)