07.11.2011

Industrie: Akuter Handlungsbedarf beim Fachkräftenachwuchs

IV-GS Neumayer: Massiver Einbruch bei Quantität und Qualität im Bereich der Berufsausbildung droht – Laufendes Bildungsvolksbegehren „wichtiger Impuls“ – IV-Maßnahmenkatalog „Fachkräfte 2020“ vorgestellt

„Das Industrieland Österreich braucht die besten Hände und Köpfe, um dauerhaft Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Wohlstand sichern zu können", so der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Mag. Christoph Neumayer heute, Montag, bei einer Pressekonferenz in Wien. Nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung müsse man daher jetzt die richtigen Schritte setzen, um den benötigten Fachkräftenachwuchs zur Verfügung zu haben. „Die Alternative wäre ein Verlust an Wohlstand und Arbeitsplätzen." Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund sei das laufende Bildungsvolksbegehren ein „wichtiger Impuls", den es zu nutzen gelte. Der „Arbeitskreis Fachkräfte 2020" der IV unter Leitung von Dr. Alexander Bouvier, Mitglied des Vorstandes der Treibacher Industrie AG, hat daher den umfassenden Maßnahmenkatalog „Fachkräfte 2020" erstellt. „Der aktuelle Fachkräftemangel wird sich weiter verschärfen", warnte Bouvier. Neben der demografischen Entwicklung seien vor allem der allgemeine Trend zum höheren Schulwesen sowie die schwierige Positionierung der Lehrlingsausbildung dafür verantwortlich. „Die Schere zwischen den Anforderungen der Unternehmen und den Qualifikationen, die Bewerber mitbringen, geht immer weiter auseinander. Hier müssen wir gegensteuern", so Bouvier.

Fachkräftemangel bereits spürbar

„Werden die aktuellen Rahmenbedingungen nicht verändert, droht ein massiver Einbruch bei Quantität und Qualität im Bereich der Berufsausbildung - der „Nachwuchspool" trocknet aus, der Lehrstellenmarkt droht zu kippen. Bereits jetzt ist der Fachkräftemangel in der Industrie deutlich zu spüren", führte Neumayer aus: „3 von 4 Leitbetrieben haben Probleme, qualifiziertes Personal in Zukunftsfeldern wie Produktion, Technik, Forschung, Innovation und Entwicklung zu finden. Insgesamt haben 86 Prozent der Unternehmen Probleme, ihren Fachkräftebedarf zu decken." Diese Entwicklung sei gerade in einem Industrieland wie Österreich sehr bedenklich. Der IV-Generalsekretär erinnerte daran, dass ein sehr hoher Prozentsatz der österreichischen Jugend - knapp 80 Prozent -, die eine berufliche Bildung erhalte „zweifellos für die wirtschaftlichen Erfolge Österreichs entscheidend, wie auch ein Grund für die gute Jugendbeschäftigungssituation im Vergleich zu anderen Ländern" sei. Die aktuelle Nachfrage nach Fachkräften biete, so rechtzeitig reagiert und reformiert werde, eine große Chance auf berufliches Fortkommen und entsprechenden Erfolg - schließlich zahle die Industrie im Vergleich zu anderen Branchen auch überdurchschnittliche Löhne, betonte Neumayer.

5 zentrale Handlungsfelder

Der Arbeitskreis „Fachkräfte 2020" fokussiere auf 5 zentrale Handlungsfelder, um den zukünftigen Fachkräftenachwuchs sichern zu können, so Arbeitskreis-Leiter Bouvier: „Wir müssen die Bildungs- und Berufsinformation dringend verbessern und Reformen im Schulsystem durchführen." MINT - Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik - sollte drittens systematisch im gesamten Bildungssystem vom Kindergarten bis zur Universität verankert, viertens müsse Migration als Chance verstanden werden. Als fünfte Maßnahme sei es wichtig, „die Anbindung der dualen Berufsausbildung an den tertiären Sektor zu verbessern".

Um ein „Spezifikum des österreichischen Bildungswesens im internationalen Vergleich" handle es sich bei der Frage der 9. Schulstufe, „vielfach diskutiert, reformiert und verbessert, bleibt sie dennoch bildungspolitisch zentrales Thema", führte Neumayer aus. Einerseits biete die Polytechnische Schule, die insbesondere im ländlichen Raum bei den Unternehmen geschätzt werde, eine anerkannte Vorbereitung auf die Berufsausbildung bzw. den Einstieg ins Berufsleben. Dennoch werde dieses Bildungsangebot von den 15-jährigen, aus unterschiedlichsten Gründen, immer mehr umgangen: Nur mehr 20 Prozent der 15-jährigen gehen in die Polytechnischen Schulen. „Wir müssen hier für eine Gleichstellung der Berufsbildung mit anderen Bildungswegen durch Reform der 9. Schulstufe sorgen", so der IV-Generalsekretär. Vertretbare Reformalternativen seien hier die mittlere Reife als Abschluss für alle nach der 9. Schulstufe, Adäquates Lenken der Schülerströme durch Setzen von Anreizen oder ein 9. Pflichtschuljahr für alle.

Nachwuchssicherung ist Standortsicherung

Die Wichtigkeit rascher bildungspolitischer Reformen unterstrich auch Prof. Dr. Gerhard Riemer, Bereichsleiter Bildung, Innovation und Forschung in der Industriellenvereinigung: „Wir sind als rohstoffarmes Land von Innovation und Forschung - und somit umso mehr von der guten Ausbildung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - abhängig." Die in der Broschüre „Fachkräfte 2020" veröffentlichten Maßnahmen seien „ein weiterer Baustein für ein Gesamtkonzept zur Sicherung der heimischen Humanressourcen. Die Industrie will damit über ihre eigenen Leistungen in der Fachkräfteausbildung hinaus Impulse für notwendige politische Maßnahmen setzen. Denn der Fachkräftemangel betrifft nicht nur Unternehmen, sondern letztlich ganz Österreich." Es sei gerade jetzt entscheidend, „jungen Menschen die bestmöglichen Zukunftsaussichten zu eröffnen, statt sie mit Schulden zu belasten", ergänzte Neumayer der abschließend festhielt: „Nachwuchssicherung ist Standortsicherung. Standortsicherung ist Zukunftssicherung."


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v.l.n.r.: Gerhard Riemer, Alexander Bouvier, Christoph Neumayer
v.l.n.r.: Gerhard Riemer, Alexander Bouvier, Christoph Neumayer


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