Premium-Lehre in der Industrie
Begehrte Lehrstellen in der Kärntner Industrie: Auf einen Platz kommen 8,6 Bewerber, zeigt das neue Lehrlingsbarometer der IV Kärnten. Konjunktureller Kälteeinbruch zu Beginn des Jahres 2011.„Wir haben zwar insgesamt weniger Jugendliche in Kärnten, aber von diesen interessieren sich mehr für eine Lehre in der Industrie“, freute sich Otmar Petschnig, Präsident der Industriellenvereinigung Kärnten bei einer Pressekonferenz am 3. Feber in Klagenfurt. Es habe sich offenbar herumgesprochen, dass die „Premium-Lehre“ in Lehrwerkstätten der Industrie in puncto Ausbildungsqualität und Karrieremöglichkeiten oft BHS-Abschlüsse in den Schatten stelle, wenn sie nicht ohnehin schon in Kombination mit ihnen absolviert werden. Nicht nur die hohe Zahl der Bewerber beeindrucke, auch deren schulische Vorbildung, fasste Petschnig die Ergebnisse des erstmals präsentierten „Lehrlingsbarometers“ zusammen. Weniger erfreulich sieht Petschnig die konjunkturelle Entwicklung im schwierigen europäischen Umfeld. Nach der schnellen Erholung im Gefolge der Wirtschaftskrise hänge jetzt alles davon ab, wie sich Österreich in der Schuldenkrise weiter als Wirtschaftsstandort positioniere. Die Bundesregierung trage große Verantwortung. Ganz Österreich schaue gebannt auf die Verhandlungen über das Sparpaket. Im Augenblick werde „nur über Steuererhöhungen gespart“, gab Petschnig seinen Eindruck über die aktuelle Diskussion wieder. Dabei liege Österreich bei der Steuerquote (42 Prozent des BIP) im OECD-Vergleich jetzt schon im Spitzenfeld. Dass die Unternehmen nichts dazu beitragen würden, sei ein Gerücht: In den vergangenen 20 Jahren sei die wichtigste Unternehmenssteuer, die KÖST, doppelt so stark gestiegen wie das Wirtschaftswachstum. Wie schon zum Jahreswechsel warnte der IV-Kärnten-Präsident daher eindringlich vor neuen Steuern und Belastungen für die Unternehmen und der daraus resultierenden Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit. Außerdem mache ihm die Tatsache Sorgen, dass nur noch knapp ein Viertel der Erwerbstätigen mehr an Steuern und Abgaben zahlen als sie an Transfers wieder zurückbekommen.
Noch gute Auftragslage
Die aktuelle Konjunkturumfrage (4. Quartal 2011, Vorschau auf das erste Quartal 2012) lasse jedenfalls eine gewisse Verunsicherung und eine deutliche Abkühlung erkennen. Während derzeit immer noch die Hälfte der Unternehmen einen steigenden Auftragsbestand melde, sei aus der Vorschau auf wichtige Indikatoren für das erste Quartal 2012 große Skepsis heraus zu lesen. Produktion und Verkaufspreise rutschten im Saldo der Positivmeldungen minus Negativmeldungen knapp unter die Nulllinie. Beim Beschäftigtenstand betrage das Minus 36 Prozent. Zwar sei das bei weitem nicht so dramatisch wie im letzten Quartal 2008, große Zuversicht könne er aber nicht erkennen. Das spiegle sich schließlich auch in der Beurteilung der Geschäftslage wider: momentan im Saldo plus 34 Prozent, in 6 Monaten ganz genau die Nulllinie mit einer ganz starken „Mitte“: 78 Prozent der Unternehmen melden eine gleichbleibende Geschäftslage. Eigentlich bestätige das die schwachen Wachstumsprognosen der Wirtschaftsforscher eins zu eins. In seiner Beurteilung der Branchen hob Otmar Petschnig wieder einmal die positive Entwicklung in der Elektro- und Elektronikindustrie hervor: Aktuell gute Auftrags- und Ertragslage, in der Vorschau zeigt alles auf „gleichbleibend“. Ähnlich sieht es in Kärntens zweitstärkster Branche, der Chemie, aus, wenn dort auch die Verkaufspreise und in logischer Konsequenz die Erwartungen für die Ertragslage deutlich schlechter beurteilt werden. Zwiespältig präsentiert sich die Maschinen- und Metallindustrie. Dort ist es bei mittelprächtiger Auftragslage vor allem die Ertragslage, die den Unternehmen Sorgen macht. Das drücke auch auf deren Bereitschaft, neue Mitarbeiter einzustellen, so Petschnig.
8,6 Bewerber auf einen Lehrplatz
IV-Kärnten-Geschäftsführerin Claudia Mischensky stellte dann das von einer Arbeitsgruppe Lehrlingsausbildung der IV Kärnten (Vorsitz: Alexander Bouvier, Treibacher Industrie AG) entwickelte „Lehrlingsbarometer“ im Detail vor. 20 Industrieunternehmen mit Lehrwerkstätten haben sich daran beteiligt. Sie repräsentieren etwa zwei Drittel der Kärntner Industrielehrlinge insgesamt. Mischensky präzisierte dann die Aussagen von Präsident Petschnig: „2011 kamen auf einen besetzten Lehrplatz 8,6 Bewerber. Es fanden sich außerdem für fast alle Lehrstellen auch geeignete Kandidaten“. Wenn man dazu ins Kalkül ziehe, dass die Zahl der Volksschüler im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts um fast ein Drittel zurückging, das Potenzial, aus dem man schöpfen könne, also deutlich kleiner werde, dann sei dieser Überhang umso erfreulicher. Aber nicht nur die Zahl der Bewerber stimme die Lehrausbilder in der Industrie positiv, auch deren Qualifikation. Sie wird im Durchschnitt als gut bezeichnet. Auffällig ist dabei, dass schon fast ein Drittel aus BHS oder AHS kommen. Wirklich überraschend ist für Claudia Mischensky aber die Tatsache, dass es offenbar einen massiven Trend gibt, nach der Matura nicht zu studieren, sondern eine Lehre anzuhängen. 36 Prozent der aufgenommenen Lehrlinge haben bereits eine Matura. Die IV-Kärnten-Geschäftsführerin sieht darin aber auch das Erreichen eines lange verfolgten Ziels: der Steigerung der Durchlässigkeit des Bildungssystems.
Imageverbesserung
Petschnig betonte, dass man mit Blick auf die vorliegenden Ergebnisse das Vorurteil des schlechten Images der Lehre wohl endgültig ad acta legen könne. Die Jugendlichen und die Eltern als deren „Masterminds“ im Hintergrund würden sich heute ganz pragmatisch für eine gute Ausbildung, für gute Karrieremöglichkeiten und letztlich auch für eine ordentliche Lehrlingsentschädigung entscheiden. Nehme man noch die hohe Bereitschaft der Betriebe dazu, Weiterbildungswilligen alle Wege zu ebnen, dann brauche man sich über die hohe Zahl von Bewerbern für Lehrplätze in der Industrie nicht zu wundern.
Der Lehrlingsschwerpunkt der IV Kärnten komme nicht von ungefähr, leitete Petschnig schließlich zu einer im Zuge der aktuellen Konjunkturumfrage mit erhobene Analyse des Qualifikationsbedarfs in der Kärntner Industrie über. Auf die Frage, welche Absolventen zur Deckung des Fachkräftebedarfs am wichtigsten sind, hätten 70 Prozent (höchster Wert) die Lehrlingsausbildung genannt. Dahinter liege im Augenblick – und völlig überraschend – schon die Universität mit 56 Prozent, die Fachhochschule mit 47 Prozent und die HTL mit 46 Prozent. Unter den Uni- und FH-Absolventen sind die Elektrotechniker am begehrtesten, übrigens vor den Bauingenieuren und den Maschinenbauern.
- An der Konjunkturumfrage haben 48 Unternehmen mit insgesamt 17.102 Mitarbeitern teilgenommen.
- Am Lehrlingsbarometer haben 20 Unternehmen mit Lehrwerkstätten teilgenommen. Sie beschäftigen insgesamt 11.500 Mitarbeiter.

